Das Poesiealbum meiner Großmutter Elfriede Amanda Leiner

So wie die Unterlagen meines Großvaters für seinen Ariernachweis mir den Auftrag gaben, das Bild seines – in meinen Augen – viel zu kurzen und lückenhaften Stammbaumes zu ver-vollständigen, so lieferte das geliebte alte Poesiealbum meiner Großmutter den Anlass, merkwürdige Schriften zu entziffern. Schon als Kind fand ich das Büchlein wunderschön mit seinem geprägten Umschlag, der Metall-verzierung im Jugendstil, dem Verschlussbügel und dem grün-gold geblümten Vorsatzblatt. Spannend!

Es war voller Geheimschriften!

Nur Weniges war so geschrieben, wie ich es in der Schule gelernt hatte. Wahrscheinlich habe ich meine Großmutter des öfteren mit Fragen gelöchert, sie erzählte ja gerne aus ihrer Kinder- und Jugendzeit in Danzig. Aber mit dem Lesen und Entziffern konnte ich erst anfangen, nachdem ich in der Schule in der fünften oder sechsten Klasse von der Sütterlin-Schrift gehört hatte und sie auch ausprobieren musste. Das war also ein Teil der Geheimschriften, die vor allem bei einigen von Omas Schulfreundinnen besonders gut zu lesen waren.

Die Mädchen waren 11 bis 15 Jahre alt und schrieben, wie sie es in der Schule gelernt hatten. Entstehung dieses Albums fällt genau in die Zeit, als Ludwig Sütterlin 1911 vom preussischen Kultur- und Schulministerium den Auftrag bekommt, eine Schrift für Schulanfänger zu entwickeln, die gut mit der Stahlfeder auszuführen sein sollte. Er vereinfachte die Buchstaben der Kurrent-Schrift, entfernte z.B. Schnörkel, verkürzte Ober- und Unterlängen und stellte die Buchstaben senkrecht. Ab 1914 wurde die Sütterlin-Schrift versuchsweise in den preussischen Grundschulen eingeführt, 1924 wurde sie verpflichtend.

Das Poesiealbum enthält Einträge von Mitschülerinnen und Lehrerinnen zwischen 1911 und 1916. Meine Großmutter hat es offensichtlich zu ihrem 10. Geburtstag am 5. März 1911 bekommen. Die Einträge ihrer Eltern sind auf diesen Tag datiert. Deren Schrift lässt vermuten, dass sie sich bemüht haben, so zu schreiben, dass ihre kleine Tochter die Einträge auch lesen kann.

Einige andere Erwachsene nahmen auf die Lesefähigkeit einer 10-Jährigen – und damit auch auf meine damals – weniger Rücksicht. Sie nutzten die Kurrent-Schrift, lateinische Buchstaben oder ein Gemisch, manchmal zusätzlich gespickt mit individuellen Eigenheiten und Schnörkel-Kreationen.

Meine Großmutter selber schrieb später ein Gemisch aus Sütterlin und lateinischen Buchstaben. Ihre Einkaufslisten auf zerschnittenen, braunen Papiertüten oder der Innenseite benutzter Briefumschläge waren fast so spannend wie die Sprüche in ihrem Poesiealbum – und viel leichter zu lesen.

Dagegen stellt uns die oft sehr individuelle Interpretation der Buchstabenführung und die Kreativität von Pastoren und anderen Kirchenbuchschreibern der letzten vier Jahrhunderte heute noch vor größere Rätselaufgaben. Oft geht das Entziffern nur mit Hilfe gezielter Vergleichsarbeit und in ganz schlimmen Fällen unter Einsatz von reichlich Phantasie. Das Beispiel unten ist noch relativ gut zu lesen.

Kirchenbuch-Eintrag
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