Spurensuche in Berlin 2018

Anfang April 2018 waren wir – meine Freundin Irmi und ich- mal wieder auf Spurensuche in Berlin. Wir hausten diesmal in Schöneberg am Nollendorfplatz und deshalb hießen die beiden frisch geschlüpften Tauben in unserer Balkonecke auch „Nollys“. Eine Woche lang konnten wir beobachten, wie immer mehr Federflaum die rosarote Haut bedeckte. Es waren die ersten richtig warmen Frühlingstage und wir genossen dieses bunte, lebendige Stückchen Berlin mit Frühstück draußen im T-Shirt, offenen Eisdielen, einem interessantenWochenmarkt mit extravaganten Angeboten und das Essen aus allen möglichen Teilen der Welt.

In meinem Hinterkopf wartete allerdings Ernestine Hermine Rosa Hilbert, die Schwester meiner Urgroßmutter. Sie lebte als Erwachsene in Berlin, hat hier geheiratet und ist hier auch gestorben. 1915 lebte sie wohl noch bei Leipzig, aber für 1920 fand ich sie im Berliner Adressbuch.

Ernestine Hilbert, Modesalon, Schöneberg,  Gotenstr. 45

Da wollte ich hin!  Und so sieht das da heute aus. Die dunkle Haustür hinter dem gelben Briefkasten trägt die Nr. 43. Die 45 müsste noch weiter zur Ecke Sachsendamm liegen. Die Hausecke ist abgeschrägt und in der Schräge hat die Haustür die Nr. 44 und dann  folgt Sachsendamm Nr. 65.  Die 44 ist hinter den Bäumen an der Straßenecke kaum zu sehen. Also keine Nr. 45!

Meine eigenen Photos aus dem Mai ohne Laub an den Bäumen und Wänden haben sich leider verflüchtigt. 

 

 

 

 

Etwas Aufschluss bietet das Satellitenphoto, Es zeigt, dass das Eckhaus zum Neubau am Sachsendamm gehört. Das war von der Straße aus gar nicht zu sehen. Dann ist ein Stück der Straßenbebauung an der Gotenstraße wohl im Krieg zerstört worden oder musste dem Ausbau des Sachsendammes weichen?

 

 

Ernestine Hilbert heiratet 1920 und in den folgenden Adressbüchern ist nur ihr Mann Adolf Armin Kochmann zu finden. Bis 1934 leben sie in der Gotenstraße 45 im 3. Stock.

1935 ist er dann im Hoeschweg 2 verzeichnet, 1936 und 37 in Lichtenrade, Hoeschweg 2 als Eigentümer. Spannend: 1938 und 39 ist Adolf Armin Kochmann gar nicht im Adressbuch zu finden. Statt dessen gibt es 1939 im Straßenverzeichnis den Eintrag: E. Kochmann, Maffeistr. 49E, vorher Hoeschweg und im Adressbuch 1939: Ernestine Kochmann, Marienfld. 49E. Ich hatte schon spekuliert, dass ihr Ehemann als Jude  deportiert worden wäre, aber 1940 und 42  steht er wieder im Adressbuch.

Die Ehepartner sind einzeln mit etwas unterschiedlich angegebener Adresse als Eigentümer des Hauses 49 angegeben, sie zusätzlich als Verwalterin.

Ernestine stirbt 1942 und 1943 steht unter den vielen Kochmanns:

-Adolf, Redakteur und Fachschriftsteller, Marienfelde, Maffeistr. 49E

Die Gotenstraße war ja noch einfach zu finden, aber die Adressangaben für den zweiten Wohnort habe ich erst im Nachhinein so genau recherchiert. Und so durchliefen Irmi und ich an einem wunderschönen, sehr warmen Frühlingstag Marienfelde, aßen in Alt-Marienfelde in einem alternativen Café selbstgebackenen Kuchen und suchten eine Straße, die es dort gar nicht gibt. Hoeschweg? Der ist doch in Lichtenrade! – googelte ein hilfsbereiter Handybesitzer am Nebentisch. Hinlaufen? Viel zu weit! Aber die S-Bahn brachte uns nach Lichtenrade. Es war inzwischen später Nachmittag und Irmi wollte sich lieber setzen und eine Bluse kaufen, wie sich später herausstellte. Sie knüpfte nette Bekanntschaften und ich marschierte los. Der passende Bus ließ so lange auf sich warten, dass ich es vorzog, zu laufen. Es war ganz schön weit für einen Tag, den wir sowieso schon auf unseren Füßen zugebracht hatten. Aber ich erreichte schließlich am Rande von Lichtenrade den Hoeschweg, durchlief ihn hoffnungsvoll ganz, weil ich natürlich am falschen Ende angekommen war, aber die Nummer 2 gab es nicht. – Das durfte doch nicht wahr sein nach all den Strapazen! –  In einem Garten arbeitete eine ältere Dame und ich wagte,  nach Haus Nr. 2 zu fragen.  Sie zuckte die Schultern!  Zum Glück fiel im Gespräch der Name „Kochmann“ und dann erlöste sie mich mit der Bemerkung: „Ja, an der Ecke da vorne liegt doch ein Stolperstein für Erna Kochmann!“  Es waren nur wenige Schritte und genau an der Straßenecke Hoeschweg/ Maffeistraße lag der Stolperstein für Adolf Kochmanns zweite Frau Erna, geb. Mandus vor einer kleinen Gartenpforte im Jägerzaun. Ich hatte also wirklich die letzte Wohnstätte von Ernestine, der Schwester meiner Urgroßmutter gefunden. Ich hatte auch ein Photo, aber nun muss ich beschreiben, was ich fand. Im Gegensatz zu allen umliegenden Häusern und Gärten hat es hier keine Abholzungen und größeren Renovierungen gegeben. Das kleine, dunkelgrün gestrichene Einfamilienhaus liegt hinter hoch gewachsenen Bäumen und Sträuchern und ist kaum zu sehen. War es auch auf meinem verschwundenen Photo nicht!

Im Nachhinein ergab meine Recherche, dass erstens der Hoeschweg wegen der Gemeindegrenze zunächst postalisch zu Marienfelde und zweitens das Haus anfangs zum Hoeschweg, später – wie heute – zur Maffeistraße gehörte.

Warum gerade dieses Grundstück wohl nicht in irgendeiner Art und Weise modernisiert worden ist!? Adolf Armin Kochmann überlebt das Naziregime und stirbt am 5. Mai 1952. Ich weiß noch nicht wo. Seine Schwester Meta wird deportiert, über seine anderen Geschwister weiß ich noch nichts. Seine zweite Frau Erna stirbt in Auschwitz .

Die Beschäftigung mit Ernestine Hermine Rosa Hilbert hat weitere Kreise gezogen als vorher gedacht – und viele neue Fragen aufgeworfen!

Nun gehe ich durch die Maffeistraße zurück, zufrieden und nicht mehr so angespannt und eilig. Ich finde die ausgeruhte und ebenfalls zufriedene Irmi und wir sind abends auch noch rechtzeitig im Friedrichspalast.

 

 

 

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